BEITRÄGE

Hier präsentieren wir Ihre Beiträge


Auf dieser Seite versuchen wir zu zeigen, wie wichtig unser geliebtes Programmkino in den letzten 46 Jahren für die Lebensqualität und das kulturelles Erbe dieser Stadt gewesen ist. 

Haben Sie Fotos, Videos oder Artikel, die das Arsenal zum Thema haben – Beiträge, junge oder alte, die sich rund um das Programmkino drehen? Haben Sie an Aktionen oder Projekten in und um das „Arse“ teilgenommen, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind; dort Menschen kennengelernt, die Ihnen wichtig sind oder Erlebnisse gehabt, an die Sie sich heute noch gerne zurückerinnern?


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Schreiben Sie uns unter arsenalbleibt@web.de und führen Sie so ganz Tübingen vor Augen, wie wichtig dieses Kino für die soziale Gesundheit und die kulturelle Entwicklung in der Region war und wieder werden soll.

TEXTBEITRÄGE

Dr. Gerhard Oberlin

 

Warum Franz Kafka das Arsenalkino geliebt hätte


Die Struktur des mythischen Zeichens wurde verschiedentlich auch für den Film reklamiert, wobei es der Stummfilm war, der die Nachbarschaft zum Mythos offenbar fester etablierte als je wieder danach. Kronzeuge jener Nachbarschaftsbeziehung sei hier Franz Kafka, der u.a. mit Max Brod, Robert Musil, Georg Lukács und Walter Benjamin zu den ersten kunstästhetisch reflektierten Cineasten gehörte. Seine Tagebuchnotiz vom 20. November 1913: „Im Kino gewesen. Geweint […]“ endet in Tristesse: „Bin ganz leer und sinnlos“ und konfrontiert schließlich die Kinematographie mit der Wirklichkeit der Stadt: „[…] die vorüberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn“. 

Die Lichtspieltheater Prags, insbesondere das Grand Théatre Bio Elite (Bio steht für Bioscope) direkt neben der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, seinem Arbeitsplatz am Poric 7, faszinierten aber trotz aller gelegentlichen Tristesse. Man müsse sich gar, sagte er 1908, „am Leben erhalten für den Kinematographen“, und elf Jahre später bekannte er seiner Verlobten Julie Wohryzek, er sei „verliebt in das Kino“. 

Dass sein Tod im Jahr 1924 mit dem Ende des Stummfilms nahezu zusammenfiel, scheint für die Ära des Tonfilms ein neues ästhetisches Paradigma zu signalisieren. War die Zeit des filmischen Mythos damals schon vorbei? Kafka, der Begründer der fantastischen Parabel- und Mythendichtung unserer Zeit, mochte die folgenden Zeilen des Fedor von Zobeltitz im Literarischen Echo Nr. 13/15 vom Mai 1911 mit gebührender Skepsis als Bestätigung seiner Kintopp-Faszination gelesen haben: „Auf den Kinematographenbühnen könnte unsere ganze Märchen- und Sagenwelt plastische Auferstehung feiern, von hier aus könnte die dichterische Kraft unserer alten Volksbücher von neuem in das Volk dringen.“

Würden wir heute sagen: „Das alles war einmal“? Das Bewusstsein dessen, was das Kunstmedium Film sei und was es leiste, ist heute bei vielen abhanden gekommen. Noch viel weniger ist den meisten bewusst, was das Kino sei, nämlich (buchstäblich) ein Raum des kollektiven Unbewussten.

Denn es ist nicht zuletzt ein Bedürfnis nach Einheitserleben, nach der Aufhebung des Unterschieds zwischen dem Eigenen und dem Anderen, was Mythisches zu einer spirituell Alles verklammernden Angelegenheit macht. So wie das Spiel der Fantasie sich ein Objekt schafft, dem das Selbst (des Kindes, des Künstlers) ohne Subjektverlust anhaftet und das in dieser Eigenschaft dennoch zum Platzhalter des Realen werden kann, so verbinden sich im Kunstwerk Inneres und Äußeres, Individuelles und Kollektives, Vergangenes und Gegenwärtiges zu einer spannungsvollen und zuweilen paradoxen Einheit. Ihretwegen ist es nach Freud dann auch möglich, „dass uns der Dichter in den Stand setzt, unsere eigenen Phantasien nunmehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen“, so „dass der eigentliche Genuss des Dichtwerkes aus der Befreiung von Spannungen unserer Seele hervorgeht“. Der Soziologe Emile Durkheim nannte das „entretenir et reaffirmer, à intervalles réguliers, les sentiments collectifs et les idées collectives qui font son unité et sa personalité“. 

Es ist offensichtlich, dass es bei der Rezeption all dieser Medien der Kunst, den Film inbegriffen, nicht nur um das Wiedererkennen der eigenen Gefühle im Sinne einer Re-flexion und Objektivierung geht, sondern auch um das Erlebnis der Gesellschaftlichkeit des Sentiments und der ritualen Gemeinsamkeit. Je sinnfälliger das Medium ist, d.h. je mehr Sinne es anspricht, umso mehr ist es in der Lage, die Vergesellschaftung des Sentiments zu ermöglichen und eine Kultur der bewussten Affekte zu schaffen. Natürlich sind Bildende Kunst, Fotografie, vor allem aber der Film gewissermaßen prädestiniert, diese Aufgabe zu übernehmen, wobei bei letzterem auch die Übertragungssuggestion am größten ist. 

Da insbesondere der Film fertige Bilder liefert – „Bild“ nannte man in den Anfängen des Films auch die einzelne Szene –, tritt die (aktive) Imaginationsleistung hinter der (passiven) Bildrezeption zurück. Mit der geringeren Aneignungsleistung sinkt zwar die individuelle Resonanzintensität, doch weitet, ja überdehnt sich die Akzeptanz und damit das Gefühl für Alterität. Man könnte auch sagen: Der Film „erzieht“ (im Sinne von sozialisiert), während die Literatur „bildet“ (im Sinne von Ausbildung der Imagination).

Und deshalb und aus all den anderen genannten Gründen ist der Kino-Raum das Entscheidende, je intimer, desto besser. Gefühlsintimität und Öffentlichkeit schließen sich hier einmal nicht aus. Gerade die kleinen Kinos erfüllen diese Voraussetzungen, weshalb sie zu den entscheidenden Erlebnisorten in Sachen Sentiment wurden. Da mit den Blockbuster-Erfolgen auch die Größe der Kinoräume zunahm, wurden die Kleingebliebenen oder bewusst Kleinen zu Arthousekinos, den Stätten für das kleine Kunstgeschäft mit dem großen Film. Sie wurden damit zu Orten der Kunst, die bekanntlich dort am ehesten (und besten) entsteht, wo der Kommerz die geringere Rolle spielt.

Und so ist das große Kinosterben in Deutschland ein Kulturkatastrophe ersten Ranges, da es vor allem die kleinen Häuser und damit die großen Filme trifft. Wenn die Intellektuellen in diesem Land deshalb nicht auf die Barrikaden gehen, dann liegt es nicht daran, dass es sie nicht mehr gibt, sondern dass zu viele von ihnen einen exklusiven sozialen Archipel bilden und für öffentliche Belange nur zu sprechen, nicht aber zu agieren bereit sind. Längst haben wir die Kunst einerseits zum Entertainment trivialisiert (einige würden sagen: demokratisiert), andererseits zur Eliteangelegenheit stilisiert, für die man ein Universitätsstudium braucht. Gerade der Film kann uns „Augentiere“ hier versöhnen, solange seine künstlerisch wertvollen Beispiele überhaupt noch präsent sind und wahrgenommen werden können.

Deshalb darf das Kino Arsenal des Stefan Paul nicht auch noch aus der deutschen Kunstlandschaft verschwinden, zumal damit verbunden auch der Arsenal-Filmverleih ist, für dessen Verdienste für das europäische Programmkino Stefan Paul mehrfach prominent geehrt wurde. Einer seiner jüngeren Filme im Verleih, „Timbuktu“, konkurrierte in Cannes um die Goldene Palme, eine unvergessliche Errungenschaft, ein grandioser Film neben vielen anderen „Ziehkindern“ Stefan Pauls. Wenn das „Arsenal“ (und mit ihm vermutlich auch das „Atelier“) aus Tübingen verschwinden, verliert der viel beworbene „spiritus loci“ weiter an Tiefgang. Schon sehr bald gibt es dann keinen Grund mehr, in dieser Stadt zu wohnen.


STIMMEN AUS DEN NETZWERKEN

Tibor Schneider:


unvergessen bleibt auch für mich die gründung der Dichterkammer tübingens mit vielen literaturbegeisterten zusammen in genau diesem kino. wie das plakat aus dem jahre 2013 zeigt, wurden die ersten sitzungen eben in diesem cafe und kino arsenal abgehalten. vielen dank für das sponsoring an:
kino arsenal, dieter betz und vor allem die literaturvermittlung durch Mirjam Ziegler und Lisa Wa.

]trash[pool - Zeitschrift für Literatur & Kunst stand als die tübinger zeitschrift ebenfalls hinter dieser idee.

DANKE Arsenal 🍺🍺🍺